Wirtschaftsstandort Vietnam Mit „Doi-Moi“ zum Investorenliebling

Die EU hat mit Vietnam vor wenigen Tagen ein Freihandelsabkommen geschlossen. Beide Seiten versprechen sich viel davon. Der anhaltende Aufschwung macht Vietnam attraktiv für Investoren. Doch der Erfolg hat viele Schattenseiten.

Von Nicola Glass, ARD-Hörfunkstudio Südasien, zzt. Bangkok

In Vietnam mit seinen mehr als 90 Millionen Einwohnern gebe es beachtliche neue Möglichkeiten für europäische Unternehmen, so die EU. Nach China ist die Europäische Union bereits der zweitgrößte Handelspartner Vietnams. So belief sich nach Angaben der Statistikbehörde Eurostat der Umsatz im Handel zwischen beiden Seiten allein im vergangenen Jahr auf 28 Milliarden Euro.

Aus der Europäischen Union gelangen vor allem Hightech-Produkte, Fahrzeuge, Maschinen und pharmazeutische Produkte nach Vietnam. Im Gegenzug exportiert Vietnam hauptsächlich elektronische Produkte, Kaffee, Textilien, Reis und Möbel in die EU.

Aufschwung durch „Politik der Öffnung“

Motorroller in einer Fabrik nahe Hanoi | Bildquelle: REUTERS

Bislang investierten vor allem asiatische Unternehmen in Vietnam – europäische Hersteller wie der italienische Piaggio-Konzern, der in Vietnam Motorroller produziert, sind eher eine Ausnahme.

Seit seiner 1986 initiierten „Politik der Öffnung“ (der „Doi-Moi“-Politik) erlebt das südostasiatische Land einen rasanten ökonomischen Aufschwung und ist zum Liebling ausländischer Investoren avanciert. Es waren bisher insbesondere Unternehmen aus Südkorea und Japan – darunter große Konzerne wie Samsung, LG oder Toyota -, die Milliardensummen in Vietnam investierten.

Allerdings hatte das Land zwischenzeitlich immer wieder mit steigender Inflation zu kämpfen. Die kommunistische Führung, die Vietnam bis 2020 in einen modernen Industriestaat verwandeln will, setzte alles daran, die Probleme in den Griff zu bekommen – offenbar mit Erfolg: Experten rechnen derzeit mit einem robusten Wachstum der vietnamesischen Wirtschaft von etwa sechs Prozent im laufenden und kommenden Jahr.

Die Konjunktur wird durch den fallenden Ölpreis, die niedrige Arbeitslosigkeit und niedrige Zinsen angetrieben. Ein weiterer Pluspunkt: Vietnam hat eine junge Bevölkerung, die in weiten Teilen als fleißig und vergleichsweise gut ausgebildet gilt – mehr als 40 Prozent der Einwohner sind jünger als 25 Jahre.

Viele Probleme am begehrten Standort Vietnam bestehen weiter

Flaschenabfüllung des vietnamesischen Saigon Biers | Bildquelle: REUTERS

Staatskonzerne wie die Brauerei Sabeco, die unter anderem die Marke Saigon herstellt, spielen im Vietnam weiter eine große Rolle.

Andere Probleme aber sind längst nicht ausgeräumt. Fachleute beklagen, dass die Privatisierung maroder Staatskonzerne nur schleppend vorangehe, was auf die Wettbewerbsfähigkeit der vietnamesischen Unternehmen drücke.

Und unter Naturschützern regt sich wiederholt massiver Unmut, weil der Wirtschaftsaufschwung stark auf Kosten der Umwelt geht: Die natürlichen Ressourcen des Landes wie Kupfer, Holz, Öl oder Bauxit würden rücksichtslos ausgebeutet. Außerdem mahnen Kritiker, dass die wirtschaftliche Liberalisierung unter dem Ein-Parteien-System ohne eine unabhängige Justiz in eine „endemische Korruption“ gemündet sei.

Politische Öffnung nicht in Sicht

Von einer politischen Öffnung ist weiter wenig zu spüren: Nicht zuletzt fordern viele der mittlerweile fast 40 Millionen Internetnutzer mehr politische Freiräume – und drücken ihre Forderungen im World Wide Web aus. Genau das hat sich zum Dilemma für die kommunistische Führung entwickelt: So versucht sie einerseits, den Zugang zum Internet zu fördern, um die Wirtschaft zu modernisieren. Andererseits setzt sie alles daran, regierungskritische Meinungen im Netz zu unterdrücken, und überzieht Dissidenten und Aktivisten mit teils drakonischen Haftstrafen.

Source: tagesschau

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